Samstag, 19. Dezember 2009

Uni macht Schule

An einem Donnerstag erreicht mich eine Mail, die LMU sei besetzt. Besetzt?!? Nichts wie hin. Meine Erwartungen? Ich denke eine Besetzung ist für mich einer der, zumindest kurzfristig, effizientesten Wege etwas zu erreichen. Die politische Richtung der Besetzung ging auf jeden Fall in meine Richtung. Meine inhaltliche Übereinstimmung mit den Forderungen ist groß. So kann ich auch den meisten Mitteilungen intern und nach außen Zustimmen. Nur ein Wort viel mir nach kurzem aus, sowohl in einigen Beiträgen, sowie Berichten in Medien hieß es wir seien gegen die „Verschulung“ von Bildung. Sind Schulen denn wirklich so schlecht? Warum wollen wir nicht, dass die Universitäten bzw. „Hochschulen“ so werden, wie diese Schulen?

Alle der zentralen Forderungen der Besetzung lassen sich auf die „Schule“ übertragen und verstärken sich in dem Bereich, nicht, weil es bei den Missständen viel schlimmer steht, als bei den Hochschulen, eher weil diese Missstände hier von zum ersten mal mitbekommen werden, prägend mitgenommen werden und vor allem an niemandem vorbeigehen. Hierbei wären wie auch bei der einen Forderung:


Freie Bildung


Zum einen der „kostenfreien“ Bildung, die in der Schule, abgesehen von wenigen Punkten, wie Material auch noch gegeben ist.

Von „frei“ im Sinne von „offen“ kann hier schon kaum noch gesprochen werden. Lerninhalte sind bis ins Detail vorgegeben, für die Gestaltung des Unterricht gibt es für Lehrer_innen, sowie für Schüler_innen kaum Freiräume und von einer freien Schulwahl kann nicht die Rede sein, von der Öffnung der Schulen nach außen ist keine Spur.

Abgesehen von diesen Punkt die ebenso für Hochschulen gelten, existiert bei Schulen ein weiteres Problem, genannt „Schulpflicht“. Diese bestimmt teilweise sinnvolle Sache, zwingt alle, wirklich ausnahmslos alle Menschen in unserem Staat, an der Teilnahme an eben dieser durchaus problematischen Einrichtung Schule. „Freie Bildung“ heißt für mich auch „freiwillige Bildung“, die „Freiheit“ zu wählen, wie, wo und auf welche Weise ich mich bilden möchte.


Gegen die Ökonominierung von Bildung


Die „Ökonominierung“ der Schulen ist nicht so offensichtlich, wie nach Firmen benannte Hörsäle. Sie zeigt sich vielmehr in der Zeit, die für die Schulbildung vorhanden ist und darin, was in dieser Zeit vermittelt werden soll. Die Zeit der für den Arbeitsmark „relevanten“ Gymnasiat_innen und Realschüler_innen in Jahren wird immer weiter verkürzt - „G8“ und „R6“ - und gleichzeitig gehen die Anforderungen daran, was sie zu leisten haben nach oben. Es gibt kaum eine Schule, deren Schüler_innen nicht über die Belastungen durch die neu entstandene Oberstufe des Gymnasiums in 8 Jahren (G8) klagen.

Währenddessen wird auf der anderen Seit an den Hauptschulen – und „Förderschulen“ - , die einen in der Wirtschaft immer weniger anerkannten Abschluss anbieten und auf denen immer mehr Schüler_innen überhaupt keinen Abschluss machen, immer weniger verlangt und immer mehr Zeit zur Verfügung gestellt. In der Absurdität finden sich hier Klassen, an Berufsschulen, in die verpflichtet wird zu gehen, hat man keinen Ausbildungsplatz oder besucht eine andere Weiterbildungseinrichtung. Dies ist nicht anders als als „sinnfreie Beschulung“ zu beschreiben.


Demokratisierung von Bildung


Hier liegt wohl das Hauptproblem der Schulen und in folge dessen auch unserer Gesellschaft. Demokratie wird hier bestenfalls theoretisch im Sozialkundeunterricht, ab der 10. Klasse, im Alter von durchschnittlich 16 Jahren gelehrt. Die einzige zumindest scheinbar demokratische Instanz sind die Schüler_innen_sprecher_innen. Aber wie demokratisch sind 3 Vertreter_innen für bis zu 1.500 Schüler_innen, von denen die meisten nicht von deren Existenz wissen und die in den wenigsten Fällen entscheiden dürfen? Die Möglichkeiten auf beispielsweise den Unterricht Einfluss zu nehmen, die eigene Meinung zu äußern oder Verantwortung zu übernehmen, sind sehr eingeschränkt – häufig auch verboten.

Wie sollen Menschen später aktiv in einer Demokratie leben, wenn sie während der Zeit ihrer Sozialisation, in ihrer Kindheit und Jugend, in der Schule und in Kindergärten, nie gelernt haben, was dies überhaupt bedeutet, geschweige denn es erlebt?

Vielleicht gründen hier auch einige der Probleme, die sich während der Besetzung ergeben: „Tendenziöse“ Redeleitungen, Verfahrensvorschläge bei denen die eigene Meinung kundgetan wird, die 20. Wiederholung des bereits gesagten. - Wie sollen Menschen dies können, wenn sie zum ersten mal damit in Berührung kommen?


Soll sich tatsächlich etwas ändern, sollten nicht länger „Gegen die Verschulung der Universitäten“ vorgegangen werden, sondern vielleicht „Für die Besetzungskultur an Schulen“. Solange sich diese Ansätze nicht durchsetzten, ist es nicht verwunderlich, wenn an der Besetzung nur wenige Schüler_innen beteiligt sind und ich sollte mich nicht wundern, dass ich als „Bildungsverliererin“ bezeichnet werde, wenn nur „Schülerin“ gemeint ist.

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